Judith E. (März bis September 2017)

Einleitung

Hallo! Mein Name ist Judith Everding, ich bin 23 Jahre alt und studiere Medizin in Münster. Ich werde ab dem 9. März für 6 Monate in Obiya sein und natürlich – passenderweise – im

Health Centre arbeiten. Viel Spaß beim Lesen meiner Berichte aus Uganda!

Mittwoch 1. März – Bericht in den Westfälischen Nachrichten

Schöppingerin fliegt nach Uganda : Der Theorie folgt …

von Rupert Joemann

Die fast 23-Jährige (Geburtstag feiert sie übermorgen) hat eigens in der Vorbereitung auf ihren Afrika-Aufenthalt als Wahlfach an der Uni Münster Tropenmedizin gewählt. Doch Judith Everding schmunzelnd, wenn sie davon erzählt. So richtig glaubt sie selbst nicht, dass ihr das Seminar ernsthaft in Uganda helfen wird.

„Ich möchte einen Eindruck gewinnen, wie Medizin dort vor Ort funktioniert“, schätzt Everding die Situation realistisch ein. Europäische Maßstäbe dürfe man dort nicht anlegen, so die 22-Jährige.

Schon ein Blick auf die örtlichen Gegebenheiten in dem Dorf Obiya Palaro in Nord-Uganda zeigt, wie Recht sie hat. „Die bauen dort gerade ein Krankenhaus“, erzählt Judith Everding. Mit der rechten Hand zeigt sie, wie hoch die Mauer schon steht – etwa hüfthoch. Derzeit werden die Kranken in einer einfachen Medizinstation betreut. Die Unterbringung in Betten ist eher die Ausnahme. „Die Mitarbeiter fahren auch oft in die Dörfer“, weiß Judith Everding.

Die Amerikaner betreuen noch eine Geburtenstation. Zudem gibt es einen Kindergarten und eine Schule. Judith Everding hofft, auch dort Eindrücke sammeln zu können.

Die 22-Jährige, die viele Jahre beim ASC Schöppingen Fußball spielte, hat sich ganz bewusst für das Projekt des gemeinnützigen münsterischen Vereins Uganda-Hilfe St. Mauritz entschieden.

Die Teilnahme an einem Erasmus-Auslandssemester kam für die Medizinstudentin, die bereits das 1. Staatsexamen abgelegt hat, nicht in Frage: „Da hat man zu wenige Kontakte mit den Einheimischen. Häufig bleiben die Studenten unter sich.“ Sie wollte etwas anderes. „Ich wollte ganz woanders hin.“

Ihre Wahl fiel auf Afrika. „Ich glaube, die Afrikaner sind uns ein bisschen ähnlicher als Asiaten. Afrikaner sind nicht so reserviert.“ In Münster hat sie einige Schwarzafrikaner kennen- und deren Mentalität schätzen gelernt.

Die Schöppingerin freut sich darauf, Einblicke in eine andere Kultur zu erhalten. „Man darf sie nicht vom hohen Ross beurteilen“, sagt Judith Everding.

Erste Informationen hat sie schon von einer ehemaligen Helferin des Vereins und bei Vorträgen erhalten. Zudem hält sie mit dem katholischen Pfarrer der Kirchengemeinde über Whats-App Kontakt.

„Die Uganda-Hilfe St. Mauritz ist ein kleiner Verein. Die Flüge habe ich selbst bezahlt“, erzählt Everding. Die Schöppingerin erhält lediglich Kost und Logis.

Sie will die Gelegenheit nutzen und die abwechslungsreiche Landschaft kennenlernen. Von Savannen bis zu Regenwäldern hat Uganda einiges zu bieten. Ihre Eltern und vielleicht auch ihr Freund werden die Schöppingerin besuchen.

Erst seit ein paar Jahren können Helfer der Uganda-Hilfe in Obiya Palaro mit anpacken. 20 Jahre lang herrschte in Nord-Uganda Bürgerkrieg. Erst seit 2005 gibt es dort keinen Krieg mehr. Die wirtschaftliche Entwicklung hinke im Norden aber immer noch dem des restlichen Landes hinterher, so Judith Everding. Da ist die Hilfe von Ehrenamtlichen gerne gesehen.

Samstag, 11. März 

Flug und Anreise verliefen problemlos – unterwegs konnte ich schon die ugandische Natur bestaunen und meine ersten Paviane sehen! Alle haben mich sehr herzlich willkommen geheißen, besonders mein „Flughafen-Abholdienst“ bestehend aus Father Cyprian und Kevin (sie ist Sozialarbeiterin und hat sich auch schon super um meine Vorgängerinnen Luzia und Christina gekümmert).

Heute habe ich zum ersten Mal das Gelände und meinen neuen Arbeitsplatz erkundet. Dort war schon einiges los, aber mir wurde versichert, dass es kein Vergleich zum Ansturm am Montag sein würde. Ich bin also gespannt!

12. März
Vor der englischen Messe um 7 durfte ich diesen Himmel bestaunen – da fällt das Aufstehen doch gleich viel leichter!

14. März
Mein neuer Arbeitsplatz wurde heute von den Primary School-Kindern besichtigt. Ich beobachtete die ganze Prozession von der „Rezeption“ aus, wo ich mich bei der Buchführung mit der Schreibweise all der Namen und Dörfer auseinandersetzen musste. Zum Glück kannte ich wenigstens viele Diagnosen und Medikamente!

18. März
Father Cyprian hat mich gebeten, bei einem Treffen von Chormitgliedern aus der Umgebung für Freiwilligenarbeit zu werben. Ich habe von den vielen Volunteers in Deutschland und deren Beweggründen berichtet. Da es viele Fragen auch zu Ausbildung und Arbeitsleben in Deutschland allgemein gab, entwickelte sich glücklicherweise eine gute Diskussion mit großem Gruppenfoto am Ende! Wie gut, dass ich fast gar nicht auffalle! 😉

23. März
Irii maber! Guten Tag!
Heute hatte ich meine erste Acholi-Stunde bei Madame Innocent, einer Lehrerin aus der Primary School. Das wird eine echte Herausforderung!

25. März
Hier setzt sich die Regenzeit jetzt langsam fest. Ein Segen für all die Farmer auf dem Land und auch für schweißgeplagte Nordeuropäer! 😉
Leider bedeutet Regen hier nicht, dass es auch im nahen Südsudan regnet. Und selbst wenn es so wäre, würde der anhaltende Bürgerkrieg ein Ende der Hungersnot wohl nicht zulassen. Ich habe schon mitbekommen, dass viele Gesundheitsmitarbeiter und Priester aus der Umgebung sich auf den Weg in die Flüchtlingslager gemacht haben. Father Cyprian erzählte mir außerdem, dass um uns herum viele Sudanesen bei ihren ugandischen Verwandten Zuflucht gefunden haben und nun versuchen der Registrierung durch die Behörden zu entgehen, da sie dann auch in eines der überfüllten Flüchtlingscamps verfrachtet würden. Eine schwer zu begreifende Tatsache, dass sich nur wenige hundert Kilometer von Obiya entfernt eine solche humanitäre Katastrophe abspielt.

28. März

Mit dem Regen kommt leider auch die Malaria-Welle ins Rollen. Auf dem Foto sieht man Malaria-Schnelltests aus unserem Labor; 2 Striche bedeuten ein positives Testergebnis. Diese Tests führt man bei fast allen Kindern und Schwangeren durch, da Malaria hier immer eine wahrscheinliche und gefährliche Ursache für verschiedenste Symptome ist.
Sollte jedoch vieles für Malaria sprechen und der Patient in einem schlechten Zustand sein, diagnostiziert unser Laborassistent Malaria, indem er einen sogenannten „dicken Tropfen“ Blut mit dem Mikroskop auf die Parasiten untersucht. Diese Methode ist sicherer und informiert außerdem über den Schweregrad des Parasitenbefalls.
Die gute Nachricht ist, dass den meisten Patienten schnell und effektiv geholfen werden kann. Die Antimalaria-Wirkstoffe werden entweder als Tabletten zuhause eingenommen oder in schwereren Fällen per Infusion verabreicht – dafür bleiben die Patienten dann 24 Stunden im Health Centre.

01./02. April
Da Cyprians Putz- und Kochfee Mercy krank ist, war dieses Wochenende Hausarbeit angesagt. Ich verstehe jetzt auch, warum die meisten Frauen hier keinen Sport machen! Bettwäsche mit der Hand waschen (das hätte ich natürlich sowieso selbst gemacht) ist unglaublich anstrengend! Ohne die Hilfe von Vicky, einer Freundin, die Cyprian um Unterstützung gebeten hatte, wäre ich wohl verzweifelt.
Außerdem erfordert das Kochen hier wirklich extrem viel Zeit. Wir haben direkt nach dem Frühstück mit den Vorbereitungen für das Mittagessen angefangen. Die Bohnen benötigen auf dem traditionellen Kochfeuer zum Beispiel 2-3 Stunden. Und nach dem Mittagessen geht die Arbeit direkt weiter, schließlich muss abends wie hier üblich auch wieder warm gegessen werden …

04. April
April und Oktober sind die Monate für „Child Days Plus“, eine Aktion der Regierung, an der sich unser Health Centre beteiligt. Und das sieht so aus: Eine Mitarbeiterin, Grace, in diesem Falle unterstützt von mir, fährt jeden Tag zu 1-2 Schulen oder Kindergärten der Umgebung. Dort verteilen wir dann an alle Entwurmungstabletten, wobei man aufpassen muss, dass diese auch tatsächlich geschluckt werden – ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass sie nicht besonders lecker sind. Für die Kindergartenkinder gibt es außerdem Vitamin A und für Mädchen über 9 Tetanus- und Gebärmutterhalskrebs-Impfungen. Das ist Impfen im Akkord und tatsächlich anstrengend, besonders wenn man vorher noch Überzeugungsarbeit leisten muss …

09. April
Mein erster Palmsonntag mit Palmblatt! Zunächst versammelte sich die ganze Gemeinde unter einem großen Baum an der Primary School, um dann von dort in die Mehrzweckhalle einzuziehen, was sich aufgrund des enormen Andranges als schwierig herausstellte. Die Halle platzte wirklich aus allen Nähten! Viele Leuten feiern hier wohl den Palmsonntag mehr als Ostern, weshalb eine besondere Stimmung mit tollen Gesängen, traditionellen Tänzen und Palmblatt-Schwenken herrschte. Im Video hört man den Anfang vom „Hosanna“ – da bekam man wirklich eine Gänsehaut.

14. April
Die Regenzeit macht leider gerade Pause. Seit einer Woche nun schon kein einziger Tropfen; und selbst davor waren es meist nur kurze Schauer. Statt blühender Natur jetzt also vertrocknende Palmeln, braunes Gras und 32 Grad im Haus. Dass man sich als Münsteranerin einmal von ganzem Herzen Regen wünscht … Aber auch alle anderen hoffen auf baldigen Regen, schließlich benötigen die erst kürzlich bepflanzten Felder dringend Wasser, damit die Ernte nicht verloren geht.
Der Kreuzweg durch die umgebenden Dörfer hier kam durch diese klimatischen Verhältnisse vielleicht etwas näher an die damaligen Umstände in Jerusalem heran. Vor allem die Leute, die das kurz vor Beginn aus zwei Baumstämmen gezimmerte Kreuz zwischen den Stationen trugen, kamen ganz schön ins Schwitzen!

16. April
Zum Ostersonntag war ich bei Kevins Familie auf dem Dorf eingeladen. Das war wieder einmal ein ganz neues Erlebnis! Morgens erst einmal bei den Vorbereitungen helfen: Reis sortieren, Kohl raspeln, … Nach dem Mittagessen Spaziergang durch das Gelände mit Peace, Kevins Cousine und der kleinen Luzia – benannt natürlich nach der Luzia aus Münster! Dabei hatten wir ein (selbst für die anderen) spezielles Erlebnis, als wir ein eine Hütte eingeladen wurden und auf Lehm-Sitzgelegenheiten Platz nehmen sollten. Es gibt wohl sogar auch ein Bett …
Sobald Kevins Vater dann abends die Musik anschmiss, versammelte sich die gesamte Nachbarschaft vor dem Haus und es wurde ausgiebig getanzt, wobei meine ersten Tanzversuche auf afrikanische Art für viel Heiterkeit sorgten.

21. April
Diese Woche gab es leider keinen Acholi-Unterricht, weil meine Lehrerin Innocent zu den Sportwettkämpfen der Schüler unterwegs war. Also versuche ich, meine Vokabeln selbst zu wiederholen. Meine Vokabelauswahl ist natürlich etwas speziell …

22. April
Meine Kollegin Bibiana hatte es wohl geahnt und mich gefragt, ob ich diesen Samstag zur Arbeit kommen könnte: Es war einiges los! Von Sekretärin über Labor-Assistentin, Putzfrau, „Apothekerin“ bis zu „Ärztin“ übernahm ich heute abwechselnd ungefähr alle Jobs, die es in unserem Health Centre gibt. Es kamen viele Babys und auch einige sehr alte Menschen, die wir sonst eher selten sehen. Einer davon sogar 85 – das ist schon eine echte Hausnummer hier!

24. April
KIDEPO VALLEY NATIONALPARK! An der Grenze zum Südsudan und Kenia liegt fernab von Touristenmassen dieser wunderschöne Nationalpark. Allein schon die Szenerie, Savanne umgeben von schroffen Bergen, ist atemberaubend. Und wir – Fr. Santo, Fr. Cyprian, Kevin und ich – waren heute tatsächlich die einzigen Besucher im ganzen Nationalpark, was bestimmt zu unserer erfolgreichen Safari beigetragen hat! Wir haben gesehen: Löwe (weiblich & männlich), Zebra, Giraffe, Büffel, Oribi, Sekretärvogel, Wasserbock, Warzenschwein, Pavian, Kuhantilope, Riedbock, Husarenaffe. Das Löwenmännchen lag dabei nur 3 Meter von unserem Auto entfernt und zu den Giraffen sind wir sogar zu Fuß gelaufen – Stück für Stück in Reih und Glied dem Ranger hinterher.

27. April
In der letzten Nacht war ganz Gulu draußen  unterwegs: Aufgrund der besonderen Witterung – nämlich einem regenreichen Tag gefolgt von Wärme – wimmelte es von weißen Ameisen, die in riesigen Schwärmen um alle Lichter flogen. Schwer zu glauben, aber diese gelten als echte Delikatesse hier, weshalb heute abend überall in irgendeiner Form die gesammelten Ameisen serviert wurden. Aber seht selbst …

03. Mai
Heute holten wir mit den Angestellten von Health Centre und Primary School den „Labour Day“ nach. Wir feierten erst zusammen eine Messe und danach gab es Essen für alle – eine Ziege war eigens dafür geschlachtet worden. Ich musste auch in den sauren Apfel beißen und zum ersten Mal mit den Händen essen … Gar nicht so leicht, wenn es sich unter anderem um Reis handelt.
Bereits am Sonntag haben wir an der Kathedrale ein wenig „Tanz in den Mai“ gefeiert. Auf dem Foto sieht man das auserwählte Team den Kuchen anschneiden und damit die Party eröffnen.

9.Mai
2 MONATE! Das hört man zwar ständig, aber die Zeit vergeht wirklich wie im Fluge. Inzwischen habe ich zu schätzen gelernt, dass ich mir ein „ganzes halbes Jahr“ Zeit genommen habe.
Ich habe jetzt meine ersten Tage in der Maternity Unit verbracht, zu deren Aufgaben Vorsorge, die Geburt selbst und Nachsorge für Mutter und Kind zählen. Bislang habe ich leider noch keine Geburt miterlebt, aber das wird auf jeden Fall noch passieren bei den Geburtsraten hier. Was mich immer wieder schockt, ist das Alter der (werdenden) Mütter. Ein großer Teil ist jünger als ich und heute untersuchten wir sogar eine 16-jährige.

18. Mai
Über die Situation der südsudanesischen Flüchtlinge hier in Uganda haben wir kürzlich noch mehr erfahren. Fr. Cyprian hat eines der Flüchtlingscamps im Lamwo District ca. 100 km von hier entfernt betreten – allerdings eher zufällig, weil er ein Unfallopfer mit dem Rettungswagen abholen wollte, und dieses in der dortigen Medizinstation versorgt wurde. Doch schon dieser kurze Aufenthalt reichte, um ihn völlig zu schocken. Am schlimmsten waren für ihn die minderwertigen Zelte, die weder vor dem starken tropischen Regen noch vor der heißen Sonne schützen können. Er hofft jetzt, dass wir mal zusammen dorthin fahren und mit den Flüchtlingen beten können.
Einige Tage später hat Cyprian dann auch noch mitbekommen, dass die Flüchtlinge aus eben diesem Flüchtlingscamp bis in die Dörfer rund um Gulu kommen, um Lebensmittel zu kaufen. Das muss man sich mal vorstellen! Einige von ihnen haben offensichtlich Geld, was man ja aber bekanntlich nicht essen kann. Dies führt wiederum dazu, dass einige Familien hier ihr ganzes Feld kasawa (eine nahrhafte Wurzel) für das verlockende Geld verkaufen und so bald die nächsten sein werden, die nichts zu essen haben …

23. Mai
Eine lang geplante „Bildungsreise“ stand heute auf dem Programm. Unser Team, bestehend aus Fr. Cyprian, Nighty (Hebamme, Leitung Health Centre), Susan (Hebamme, Leitung Maternity), 3 Mitgliedern des Management-Teams und mir, machte sich auf den Weg zu 5 verschiedenen Health Centres in der Umgebung. Diese waren zumeist auf Stufe III oder IV und deshalb für uns besonders interessant, da auch St. Mauritz ein Upgrade auf mindestens Stufe III anstrebt.
10 Stunden und über 200 Kilometer später waren wir um sehr viele Erfahrungen reicher. Es zeigte sich, dass wir von Stufe III tatsächlich gar nicht so weit entfernt sind; natürlich auch durch den Bau des Krankenhauses, welches die stationäre Aufnahme von Patienten ermöglichen wird. Eine wichtige Erkenntnis war zudem der hohe Wert des Personals – dessen Ausbildung und Motivation entscheiden viel eher über den Erfolg einer Einrichtung als Gebäude und Ausstattung. Um das Health Centre da für die Zukunft zu wappnen, muss man über verschiedene Möglichkeiten nachdenken, zum Beispiel die Förderung von Weiterbildung oder Stipendien.

27. Mai

Hallo, ich bin das neue Familienmitglied und die zukünftige „Madame Boss“. Zunächst muss ich meinen älteren Freund Boss aber noch etwas in die Schranken weisen – er ist einfach zu wild. Die Menschen hier sind mir auch nicht so ganz geheuer. Aber ich muss mich ja auch erstmal eingewöhnen. Ach ja, einen Namen brauche ich auch noch. Vielleicht habt ihr ja eine Idee?

28. Mai
Mit einer großen Gruppe ging es heute  per Van zu Father Cyprians Eltern in Parak – „village life“. Für mich war es der zweite Besuch, nachdem ich gleich an meinem ersten Wochenende in Uganda die Gastfreundschaft dort genießen durfte. Wahnsinn, wie sich alles dort durch den Regen verändert hat! Eine trockene, etwas trostlose Landschaft war nun einer grün-bunten Szenerie gewichen. Vergoldet wurde dies noch durch einen wunderschönen Sonnenuntergang. Alle waren sich einig, dass es ein perfekter Ausflug war!

31. Mai
Was mich hier wirklich schockt, ist die Häufigkeit von Tuberkulse-Fällen. Erst gestern haben wir einen „Verdächtigen“ mit monatelangem Husten, Gewichtsverlust und Nachtschweiß zum Röntgen ins Krankenhaus geschickt. Meist sieht man es den Betroffenen schon von Weitem an – sie sind abgemagert, sehr schwach, häufig leider auch ungepflegt. Dabei werden sowohl Test als auch Behandlung von der Regierung bezahlt. Problematisch ist wahrscheinlich die Einhaltung der Anweisungen des Gesundheitspersonals. Schließlich ist es erforderlich, dass man eine ganze Sammlung starker Antibiotika über mehrere Monate hinweg kontinuierlich einnimmt.

05. Juni

Das Hospital wächst und wächst … Wie man sieht, laufen die Vorbereitungen für die Betonierung des Daches auf Hochtouren. Das Dach wird so konstruiert, dass man auf dessen Grundlage später ganz einfach ein zweites Stockwerk errichten kann. Die Pläne sind also groß; sofern die Mittel da sind, wird hier einiges passieren.

13. Juni
Am Wochenende hatten wir Besuch von einer Familie aus Indien, die zeitweise in Kampala lebt beziehungsweise gelebt hat. Zusammen mit unserem Teilzeit-Aushilfspfarrer Arasu (ebenfalls aus Indien) sprachen die Eltern mit verschiedenen Jugendgruppen und im Radio über die Bedeutung der Familie. Sohn Mathew schaute sich währenddessen in St. Mauritz um. Ich kenne jetzt jedenfalls ein paar leckere indische Gerichte und wir haben geplant, uns einmal in Münster wiederzutreffen, da  Mathew bald in den Niederlanden studieren wird.

18. Juni
Im Refugee-Camp. Eine krasse Erfahrung. Da muss ich meine Prinzipien über den Haufen werfen und etwas mehr schreiben:
Heute machten wir – Fr. Arasu, Brother James ein Fahrer der Caritas und ich – uns auf den Weg ins ca. 100km entfernte Flüchtlingslager bei Palabek in Lamwor-Distrikt. Dort leben zurzeit um die 30.000 Flüchtlinge aus dem Südsudan; Tendenz steigend. Zunächst fuhren wir zur Gemeinde Palabek, in deren Gebiet das Flüchtlingslager liegt. Der dortige Priester gab uns einen Katecheten zur Unterstützung mit – dachten wir zumindest. Denn leider hatte dieser ebenso wenig Ahnung vom Camp wie wir. So kam es, dass wir zunächst im Erstaufnahme-Center landeten, wo natürlich riesiges Chaos herrschte. Mit Mühe und Not organisierten wir eine kleine Messe in einem größeren Zelt dort, wobei Brother James auf Arabisch und Acholi (der Stamm lebt auch im Südsudan) übersetzte. Es ist nicht schön, darüber zu schreiben, aber im Zelt lag wirklich ein schwerer Geruch von mangelnder Hygiene und überfüllten Massenzelten. Vor allem die Kinder sahen miserabel aus, mit zerschlissenen Klamotten, Staub überall, Husten aus jeder Ecke. Aber sie waren glücklich, durch uns mal etwas Ablenkung zu haben, und alle wollten uns die Hand schütteln. Zum ersten Mal wurde auch der Farb-Abstreiftest mit meiner Haut durchgeführt. Zu der Zeit wurde nebenan gerade Mittagessen verteilt, was wohl mitunter Stunden dauern kann, wobei man die meiste Zeit in der heißen Sonne warten musste. Fotografieren war in diesem Bereich nicht einfach so erlaubt.

Zu unserem Glück sind wir dort aber einigen Katholiken – mehrheitlich Acholi – begegnet, die uns zu einer „Kapelle“ in eine der richtigen Flüchtlings-Siedlungen (als „Zonen“ bezeichnet) führten. Diese Kapelle bestand aus einem kleinen Baum, an den ein Kreuz gehämmert war, und mehreren einfachen Holzbänken aus Baumstämmen. Dort hatte der Katechet, ebenfalls Flüchtling, gerade die Lesungen beendet und Fr. Arasu übernahm. Die Christen sprachen von einem echten Wunder: Sie hatten seit einem Jahr (!) keine Möglichkeit mehr gehabt, die heilige Kommunion zu erhalten. Und dann waren wir aus heiterem Himmel gekommen; dazu auch noch an Fronleichnam. Als ich mich während der Messe in den Reihen der Flüchtlinge umschaute, standen mir die Tränen in den Augen. Und das schreibe ich nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen. So viele junge Menschen, die vielleicht gerade ein Studium begonnen hatten oder einen neuen Job und jetzt auf unbestimmte Zeit ohne sinnvolle Beschäftigung, ohne Zukunft ausharren müssen. Mädchen, denen im Camp Vergewaltigung und Missbrauch drohen. Kinder, die nicht zur Schule gehen können. Das alles schockte mich noch mehr, als die Lebensbedingungen, über die ich aber auch berichten will.
Jede Familie bekommt je nach Anzahl ein Stück Zeltplane zugeteilt, mit deren Hilfe sie sich dann eine Behausung bauen muss. In der dortigen Zone waren die Flüchtlinge schon etwas länger vor Ort, sodass die meisten schon eine Mauer aus Lehm errichtet hatten und die Plane als Dach nutzten, was aber natürlich weder gegen Kälte noch Hitze schützen konnte. Zumal auf der Fläche nur wenige kleine Bäume Schutz und Schatten boten. Und die Behausungen waren winzig! Auf dem Foto sieht man eine Hütte, in der eine 7-köpfige Familie haust. Würde vom Grundriss bei uns vielleicht als Vorratskammer benutzt. Die Sanitäranlagen waren wild über die Landschaft verteilte Latrinen mit etwas Zeltplane für die Privatsphäre, falls man das so bezeichnen darf. Ich fragte natürlich auch nach der medizinischen Versorgung, die unzureichend sein musste. In den zwei Health Centres (natürlich viel zu wenig für solch eine Anzahl Menschen) gäbe es beizeiten nicht einmal Paracetamol – eines DER Basismedikamente gerade für Kinder. Auch andere Medikamente wie Antibiotika seien ständig out of store.
Alles in allem war es ein emotional sehr anstrengender, aber auch lehrreicher Tag. Fr. Arasu wird sich jetzt mit dem Erzbischof und den Führern seiner Kongregation (er gehört den Salesianern an, den Nachfolgern Don Boscos) in Verbindung setzen, sodass dort in Sachen Kirchenarbeit und Bildung etwas passiert. Auf jeden Fall wird er demnächst noch einmal hinfahren und dann mithilfe der vor Ort gewonnen Kontakte in einer Kapelle mit den Katholiken aus allen Zonen eine gemeinsame Messe organisieren. Interessant waren auch die vielen bekannten Gesichter, die wir im Lager trafen: Fr. Arasu eine ehemalige Schülerin, Brother James mehrere Wegbegleiter aus seiner 21-jährigen Tätigkeit im Südsudan, ich eine ältere Dame und Patientin aus St. Mauritz, die dort ihre Schwester besuchte. Flüchtlinge sind eben Menschen wie du und ich.

21. Juni
Auf dem Rückweg vom Refugee Camp machten wir auch noch beim Baker’s Fort/Fort Patiko halt. Hier hatte einst der Brite Samuel Baker mit seiner Frau eine kleine Festung errichtet; seine Aufgabe war es, die Sklaverei in der Umgebung zu beenden. Deshalb waren er und seine Frau bei den Acholi durchaus beliebt. Sie gaben ihr wohl aufgrund ihres blonden Haares sogar einen Namen: Anyadwe – Tochter des Mondes. Als ich auf den Felsen herumkletterte, wurde der Name von meinen Begleitern auch sofort für mich verwendet.
Außerdem hielten wir noch an einer Gedenkstätte für ein von Kony und seiner LRA verübtes Massaker. Die gesamte Gegend bis hoch zum Flüchtlingslager ist eine der vom Krieg am schwersten getroffenen.

27. Juni
Ein Fall im Health Centre hat mich heute richtig wütend gemacht! Bei einem Kleinkind von 3 Jahren war das Ergebnis des HIV-Tests positiv. Der Junge war mit Mutter und Tante gekommen;  letztere hat uns den entscheidenden Hinweis gegeben. Die Mutter war nämlich HIV-positiv – und sturzbetrunken! Am liebsten hätte ich ihr eine Ohrfeige gegeben! Schließlich wird sie durch ihre mangelhafte Einnahme der antiretroviralen Medikamente  die Krankheit unter der Geburt an den Kleinen weitergegeben haben. Und ob dieser wiederum unter den gegebenen Umständen seine Medikamente korrekt einnehmen und so die Krankheit in Schach halten wird, ist mehr als fraglich …

30. Juni
Meine Eltern sind da! Und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus … Diese Farben! Diese Straßen! Die Gastfreundlichkeit von Cyprians Familie auf dem Dorf! Die Geschenke bei der Willkommensfeier mit 50 Leuten! Es stimmt, man kann es sich nur durch Erzählungen und Fotos einfach nicht vorstellen. Ich bin auf jeden Fall superglücklich und freue mich auch auf unsere kleine Rundreise, die am Montag startet!

 

3.-11. Juli
Murchison Falls Nationalpark, Bootstour, Top of the Falls, Gamedrive, Fort Portal, Crater Lakes, in die Berge bis an die kongolesische Grenze, Queen Elizabeth National Park, Gamedrive mit Löwen, Kibale Forest Nationalpark, Schimpansen-Tracking, Kampala, Wiedersehen mit Fr. Cyprian und Kevin. Eine Wahnsinns-Tour mit meinen Eltern! 🙂 Wahnsinnig schön und spannend, aber auch wahnsinnig anstrengend auf ugandischen Straßen …

12. Juli
Nachdem Kevin, Fr. Cyprian und ich etwas am Strand des Viktoria Lakes entspannt und frisch gefangenen Fisch gegessen hatten, holten wir abends Sabrina vom Flughafen ab. Sabrina hat gerade ihr Abitur gemacht und wird jetzt für 2 Monate ebenfalls im Health Centre mithelfen. Flug und Anreise sind problemlos verlaufen und jetzt richtet sie sich langsam hier ein. Auf eine gute gemeinsame Zeit in Uganda!

15. Juli
Heute nahmen wir an der Eröffnungsfeier der University of the Sacred Heart Gulu teil. Die kirchliche Universität ist ein lang gehegter Traum des Erzbischofs und soll  mit ihrem psychosozialen Schwerpunkt besonders die Nachkriegsprobleme adressieren. Viele hochrangige Gäste waren zu Gast, um der neuen Universität – in wie immer endlos langen Reden – zu gratulieren und ihre große Bedeutungs herauszustellen. Hoffen wir, dass sie wirklich eine gute Rolle im Voranbringen der ganzen Region spielen kann!

19. Juli
Neunjähriges Priesterjubiläum von Father Cyprian und Willkommensfeier für Sabrina! Ich glaube, es waren um die 40 (!) Leute da. Cyprian ernannte mich dann kurz vor Beginn noch zum „MC“ – Master of Ceremony. Das ist ein ganz wichtiger Posten hier für jede noch so private Feier, um den Ablauf der Veranstaltung mit Vorstellungsrunde, Reden usw. zu moderieren. Da musste ich dann wohl durch, aber habe direkt klargestellt, dass ich gerne „German Style“ hätte; also nicht so viele und vor allem lange Reden. Hat auch halbwegs geklappt, sodass wir noch genug Zeit hatten unterm Sternenhimmel zu tanzen. Wobei wir uns die Zähne an den traditionellen Acholi-Tänzen ausbissen (mal wieder)  …