Henrike Q. (Februar – März 2019)

Frieden. Sicherheit. Ein sicheres Zuhause. Gutes Essen und genug für alle. Sauberes Wasser. Gute Lehrer. Ein Krankenhaus in der Nähe. 

Das sind Dinge, die die Kinder aus dem Südsudan besonders an St. Mauritz Obiya Palaro mögen. 

Man könnte meinen, es sei selbstverständlich, dass ein Kind genug zu essen hat, ohne Angst schlafen und morgens zur Schule gehen kann. Aber die 23 Mädchen und 9 Jungen im Alter von 11 bis 16 Jahren, die seit Anfang Februar in St. Mauritz leben, sind teilweise hunderte Kilometer weit zu Fuß geflüchtet, bevor sie in einem Flüchtlingscamp in Uganda und schließlich in St. Mauritz Sicherheit finden konnten.  

Über 20 Jahre lang kämpfte der Südsudan für seine Unabhängigkeit. 2011 war es endlich so weit. Reich an Ölvorkommen und Weideland hofften die etwa 12 Millionen Einwohner des nun jüngsten Landes der Welt auf friedlichere Zeiten und feierten die Unabhängigkeit mit Trommeln und Gesängen auf der Straße. Die Hoffnung schwand jedoch 2013 als der Präsident Salva Kiir – vom Stamm der Dinka, seinem Vize Riek Machar – vom Stamm der Nuer, so sehr misstraute, dass er ihn entließ. Ein politischer Machtkampf begann, in dem sich immer mehr Südsudanesen mit ihrem Stamm solidarisierten. Ein brutaler, blutiger Bürgerkrieg beginnt. 

Auch ein Friedensabkommen im Jahr 2015 brachte keinen dauerhaften Frieden um die politische Macht und die wertvollen Ölressourcen des Landes; es hat sich inzwischen zu einem Konflikt zwischen Ethnien entwickelt. 2016 spitzte sich die Situation so sehr zu, dass ein Großteil der internationalen Politiker und Botschafter aus dem Land gebracht wurde, da es zu gefährlich wurde.

Seit Kriegsbeginn wurden zehntausende Menschen getötet, hunderttausende leiden an Hunger und fast 4 Millionen Südsudanesen fliehen aus ihrem Heimatland. Knapp 1 Millionen Flüchtlinge suchen Zuflucht in Uganda. 

32 geflüchtete Kinder leben nun in St. Mauritz Obiya Palaro und gehen hier zur Schule. Sie alle sind hochmotiviert, Schreiben und Lesen zu lernen und einen Schritt in eine bessere Zukunft zu machen. Aber sie alle sind auch traumatisiert durch die Erfahrungen, die sie im Krieg und auf der Flucht gemacht haben. Einige von ihnen haben Menschen sterben sehen, Familienmitglieder verloren und tagelang hungern müssen. Andere erinnern sich daran, dass sie morgens in der Schule vom Krieg überrascht wurden. All das muss verarbeitet werden. 

Liebevoll und engagiert kümmert sich vor allem Sister Janet um die Mädchen und Jungen, trifft sich regelmäßig mit ihnen, organisiert Spiele im Freien, spricht über Erinnerungen, Erlebnisse und über Zukunftswünsche. Eine Sache wünschen sich fast alle Kinder: ‚Das Geschehene auch mal vergessen, am liebsten beim Fußballspielen‘.

Diesen Wunsch konnte ich ihnen nicht abschlagen. Wenige Tage später gehen 5 Schüler, Sister Janet und ich ins Dorf, um Bälle zu kaufen. Ich muss im Cafe um die Ecke warten. Denn sobald eine Mzungu (eine Weiße) einen Laden betritt, steigen die Preise urplötzlich ins Unermessliche an. Eine Kaffeelänge später präsentieren mir die Kinder stolz die 2 Fußbälle und 2 Tennisbälle, jeweils für die Mädchen und für die Jungen, die sie dank ihres Verhandlungsgeschicks für umgerechnet etwa 20 Euro bekommen haben. 

Seitdem nutzen sie fast jede freie Minute auf dem Fußballplatz – Momente, in denen sie vergessen können. Momente, in denen sie einfach nur Kind sein können.

VIDEONACHRICHT AUS UGANDA – KULTURAUSTAUSCH ZWISCHEN DER 7A UND UNSEREM PARTNERPROJEKT IN UGANDA Henrike Quest 01.03.2019

Als ich den Klassenraum der siebten Klasse der Primary School St. Mauritz Obiya Palaro betrete, verstummen die Gespräche der 46 ugandischen Mädchen und Jungen plötzlich, die Blicke richten sich interessiert und erwartungsvoll auf mich. Es ist selten, dass eine Mzungu (eine Weiße) auftaucht und den Unterricht übernimmt. Auch für mich ist die Situation ungewohnt, vor lauter Schülern*innen sehe ich kaum den Boden des Klassenraumes – und ich habe noch Glück, die 7. Klasse ist eine der kleinen Klassen der Schule. In anderen Klassen sitzen teilweise bis zu 100 Schüler*innen gedrängt auf Schulbänken, wie wir sie aus dem Museum kennen…

Meine Name ist Henrike Quest, ich bin Lehrerin am Annette-Gymnasium Münster und unterrichte dort Mathematik und Pädagogik. Als ich mich vor einigen Jahren dazu entschieden habe im Schuljahr 2018/19 ein Sabbatjahr zu machen, wusste ich, dass ich die Welt bereisen und entdecken möchte. Auch das Ziel Ostafrika stand bereits früh fest, denn ich selber habe nach dem Abitur in einem Kinderhilfsprojekt in Kenia gearbeitet und wollte den Ort, der mich nachhaltig geprägt hat, unbedingt wieder besuchen. Was ich noch nicht wusste, dass ich die Gelegenheit haben würde das neue Partnerprojekt unserer Schule in Uganda zu besuchen, hier arbeiten und leben zu können und für knapp einen Monat Teil dieses besonderen Ortes zu sein. Ein glücklicher Zufall. 

Schon am ersten Tag lerne ich die unterschiedlichen Bereiche dieses vielseitigen Projektes kennen, besuche die Primarschule, die Vorschule, das Krankenhaus und das Weiterbildungszentrum. In meiner Zeit in St. Mauritz engagiere ich mich unter anderem für Flüchtlingskinder aus dem Südsudan, unterstütze die Vorschule als Integrationskraft und arbeite mit der 7. Klasse der Primary School zusammen an dem Projekt „7a trifft class 7“.

Zusammen mit Frau Kleine, Erdkundelehrerin der 7a, hatte ich eine Vision: Ein Kulturaustausch zwischen dem Annette-Gymnasium und der Primary School in Obiya Palaro – trotz der knapp 6000km, die zwischen den beiden Schulen liegen. Unsere Schüler*innen waren begeistert von der Idee mehr über das jeweils andere Land, die Menschen und die Kultur zu erfahren.  

Die Siebtklässler*innen in St. Mauritz Obiya Palaro interessierte vor allem das Klima, der Tourismus und die Politik in Deutschland sowie der Alltag am Annette-Gymnasium. Die Schüler*innen der 7a wollten mehr über traditionelle Lieder und typisches Essen in Uganda erfahren und waren neugierig, wie ein ganz normaler Schultag in St. Mauritz aussieht. Beantwortet haben sich die Schüler*innen die Fragen über das bisher noch so fremde Land per Videobotschaften, die sie in kleinen Gruppen vorbereitet und kreativ umgetzt haben.   

Das krönende Highlight des Projektes sollte die Präsentation der Videobotschaften werden. Da die Primary School in Obiya Palaro keinen Stromanschluss hat, wurde die Präsentation kurzerhand in die Multifunktionshalle der Gemeinde verlegt, in der am Wochenende die Messen gehalten werden. Dort versammelten sich am vergangenen Mittwoch 46 Schüler*innen der siebten Klasse mit ihren Lehrern. Gespannt, interessiert und aufmerksam folgten sie den Videoantworten aus Deutschland und erfuhren mehr über die Vegetation, das Wetter und die Sehenswürdigkeiten in Münster. Besonders gestaunt haben die Kinder über die 120 Lehrer*innen am Annette Gymnasium, denn  die knapp 600 Schüler*innen in St. Mauritz werden von nur 20 Lehrer*innen unterrichtet. 

Fazit des Projektes: Kulturaustausch funktioniert auch über 6000km Entfernung!